Veranstaltungsbericht
Einführungstext zur Eröffnung der Ausstellung „Ort contra Ort“
mit Arbeiten von Mechthild Wendt und Sigrid Schrumpf
am 26.05.2011 in der Produzent/innengalerie ROOT
Liebe Besucherinnen und Besucher,
Sie haben sich vielleicht, als Sie die Einladungskarte erstmals in den Hände hielten, gefragt, was sich hinter dem Titel der Ausstellung: „Ort contra Ort“ verberge. Das Wort „contra“ signalisiert das Aufeinandertreffen von Gegensätzen, vielleicht sogar eine harte Konfrontation, einen Konflikt. Aber welche Örtlichkeiten, welche Räume werden hier aufeinander bezogen?
Im Vorfeld der Ausstellungseröffnung wurde auch der Titel „Innen (…)(vs.) Außen“ in Erwägung gezogen. Schließlich steht fest, dass für die Malerei Sigrid Schrumpfs Imaginationen eine entscheidende Rolle spielen, wohingegen Mechthild Wendt sich von urbanen Räumen inspirieren lässt. Gleichwohl würde eine eindeutige Zuordnung der Adjektive „innen“ bzw. „außen“, von materiell und immateriell, weder den hier gezeigten Exponaten, noch ihren Entstehungsprozessen gerecht. So bedürfen die impulsgebenden Imaginationen von Sigrid Schrumpf einer Veräußerung im Medium der Malerei, um Gestalt anzunehmen und in Mechthild Wendts Bildräumen verschmelzen Elemente vorgefundener Stadtarchitektur mit Spiegelungen und mit imaginierten räumlichen Situationen. Im Außen ist das Innen also enthalten und umgekehrt.
Im Folgenden wird es also unter anderem darum gehen, die von den Austellenden vertretenen künstlerischen Positionen nach ihrem Verhältnis zum Begriffspaar innen/außen und zu Räumen und Verortungen zu befragen.
Sigrid Schrumpf
„Ich suche nicht,- ich finde!“, - diesen Ausspruch von Pablo Picasso hat sich Sigrid Schrumpf als Motto ihrer eigenen künstlerischen Praxis gewählt. Suchen lässt sich nur, was bereits bekannt ist, Finden hingegen auch Unbekanntes, Überraschendes. Jede Suche wird von einer mehr oder weniger konkreten Vorstellung, dessen, was zu suchen sei, geleitet. Wie sollte man auch sonst das Feld der Suche abstecken, den Ort, an dem mit Aussicht auf Erfolg zu suchen sein wird? Wie der Suche eine Richtung geben? Wie erkennen, ob das Suchen bereits erfolgreich war? Doch mit Bekanntem will sich Sigrid Schrumpf in ihre Malerei nicht abgeben. Ihr künstlerisches Verlangen gilt dem Unvertrauten, Unverorteten. Insofern steht sie in der Tradition von Künstlern der klassischen Moderne, wie Picasso, die das Neue in der Kunst einforderten.
Der dem Motto „Ich finde!“ zugrunde liegenden Haltung entsprechend, begreift Sigrid Schrumpf ihre Malerei nicht als Wiedergabe von etwas dem Malprozess Vorgängigem, nicht als Realisierung einer im Voraus konzipierten Bildidee. Was in einem Bild zum Ausdruck kommen soll, muss erst noch im prozessorientierten künstlerischen Arbeiten gefunden werden. Zwar gibt es für jedes Bild motivierende und richtungsweisende Impulse in Form von Imaginationen. Doch muss es sich dabei nicht zwangsläufig um innere Bilder von spezifischer Farbigkeit und klar artikulierter Gestalt handeln. Emotionen, Stimmungen und ungezügelte Energien, die sich nur schwer in den geordneten Alltag integrieren ließen, bahnen sich in den Bildern von Sigrid Schrumpf dynamisch ihren Weg. Wie ist das möglich? Eröffnet Kunst Freiräume, die einer eigenen Gesetzlichkeit unterliegen?
Aus Sicht des Philosophen und Schriftstellers George Bataille zerfällt der Bereich der menschlichen Existenz in zwei unterschiedliche, aufeinander bezogene Sphären. Der homogene Teil unterliegt dem klassischen Nützlichkeitsprinzip. Im Zentrum aller Aktivitäten stehen hier der materielle Nutzen, die Sorge um die Erhaltung der Lebensgrundlage. Dieser zweckrationalen Sphäre steht eine zweite, gegenüber: die des Heterogenen. In ihr findet sich, was von der homogenen Gesellschaft als nicht assimilierbar oder als nicht nutzbringend ausgegrenzt wird, wozu Bataille auch die Kunst zählt. Ihr ist die Kraft des Schocks eigen; sie ermöglicht, ein Entladen von Energien, die in der Welt des Homogenen keinen Raum haben. Kunst unterliegt einer Logik der Verschwendung, der rückhaltlosen unproduktiven Verausgabung. Eben deshalb ermöglicht sie ihren Betrachter/innen eine wertvolle Erfahrung des im Verhältnis zum Homogenen „ganz Anderen“.
Sigrid Schrumpfs Malerei oszilliert zwischen dem Sichtbarmachen, dem Verdichten und dem Maskieren von impulsgebenden Imaginationen. Auf in unterschiedlichen Tönen grundierter Leinwand wird die Ölfarbe unvermischt, ohne störenden Umweg über eine Palette, unmittelbar aus der Tube auf der jeweiligen Bildfläche aufgebracht. Farben haben in den Augen der Künstlerin einen symbolischen Wert, - sie stehen für bestimmte Emotionen und Leidenschaften. Wie Sie an den Bildern dieser Ausstellung unschwer erkennen können, bevorzugt Sigrid Schrumpf Farbwerte von großer Expressivität. Kraftvoll gesetzt, lodern etwa Rot-Gelb-Magenta vor einem hellblauem Hintergrund, einer Feuersbrunst vergleichbar, den Betrachter/innen entgegen.
Der ersten, impulsgeleiteten Arbeitsphase, in der sich häufig schon grundlegende Strukturen und Bewegungslinien abzeichnen, folgen weitere Schritte des gezielten Ausarbeitens durch die Künstlerin. Jetzt wird das Bild wiederholt, in kurzen Zeitabständen, um seine eigene Achse gedreht. Dieses Verfahren begünstigt einen unvoreingenommenen Blick und trägt zum „Zermalen“ oder Überschreiben der anfänglichen Imagination bei. Erst wenn eine aus Sicht der Künstlerin stimmige Bildkomposition entstanden ist, kommt die Rotation der Leinwand zu einem Halt.
Im Vergleich zu den in Sigrid Schrumpfs letzter Doppelausstellung in dieser Galerie präsentieren Bildern fällt auf, dass ihre abstrakten allover- Kompositionen weniger kompakt oder verdichtet ausfallen als zuvor. Es entstehen Zwischenräume und Leerstellen, in denen Grundierung oder ungrundierte Leinwand zu sehen ist. Auf einigen Bildern neueren Entstehungsdatums füllt die farbige Grundierung der Leinwand die Bildfläche nicht vollständig aus. Durch das Freilassen der Bildränder und die Verwendung heller und zum Teil leuchtender Farbtöne für die Grundierung kommt es zu einer Unterscheidung von Figur und Hintergrund; die zentral ins Bild gesetzte Figuration scheint zu schweben.
Zunehmend macht sich in Sigrid Schrumpfs Malerei auch ihre zeichnerische Praxis bemerkbar. Dabei greift sie auf Verfahren des experimentellen Zeichnens und der von den Künstlern des Surrealismus entwickelten écriture automatique zurück. Die aufgetragene Farbmasse wird mit unterschiedlichen spitzen Objekten, wozu auch Kämme und Fingernägel zählen, einer Gravur ähnlich, partiell abgekratzt. Dabei entstehen lineare Elemente von Zeichnung im Medium der Ölmalerei.
Im Rahmen dieser Ausstellung sind auch farbige Aquarelle und Zeichnungen der Künstlerin, ausgeführt mit schwarzer Tusche auf Büttenpapier, zu sehen. Letztere können wie Kippfiguren wahlweise als freie, ungegenständliche Zeichnungen oder als urtümliche Fabelwesen von dämonischem Charakter betrachtet werden.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.
© Kerstin Schoer, M. A. Philosophiev
Veranstaltungsbericht von der öffentlichen Bild-Präsentation mit Vortrag von Sigrid Schrumpf am 16.04.2010
Regelmäßige öffentliche Präsentationen der bis dahin im Studium entstandenen Arbeiten und das Reflektieren der eigenen künstlerischen Praxis vor Publikum, beides gehört zu den Eckpunkten des Studiums an der Akademie für Malerei Berlin. Den Studierenden eröffnen diese Veranstaltungen die Möglichkeit, die erarbeitete künstlerische Position über die Grenzen der Akademie hinaus vor interessierten Zuhörer/innen und Betrachter/innen zu vertreten.
Mit einer Herausforderung besonderer Art konfrontierte Sigrid Schrumpf nach Abschluss ihres Hauptstudiums am Abend des 16.04.2010 die zahlreich zu ihrer öffentlichen Präsentation in den Räumen der Akademie erschienenen Besucher/innen. Ihre Bilder provozieren nicht durch anstößige Inhalte. Vielmehr nötigen sie ihre Betrachter/innen, sich einem intensiven Farberleben auszusetzen. Während des zurückliegenden Studienabschnitts widmete sich Sigrid Schrumpf rückhaltlos der abstrakten Ölmalerei. Ihre aus einem dynamischen Malprozess hervorgegangenen Bilder laden zum Eintauchen in einen Farbrausch ein. Farben und Formen interagieren miteinander. Spannungs- und energiegeladene Bewegungen und Schwünge bringen die überwiegend expressiv- leuchtenden Farben zum Vibrieren.
Die Formgestaltung wird von Sigrid Schrumpf weder einer bildnerischen Idee untergeordnet, noch orientiert sie sich an überkommenen Formenalphabeten. Flächige Bildpartien treten zurück zugunsten einer Vielfalt bewegter Formelemente. Sigrid Schrumpfs ungegenständliche Malerei entzieht sich einer begrifflichen Fixierung, begünstigt aber gerade insofern sich kein Bildgegenstand benennen lässt, das freie Assoziieren der Betrachter/innen. Bewusst verzichtete die Studentin darauf, die Imagination der Ausstellungsbesucher/innen durch richtungsweisende Bildtitel einzuschränken.
Zur suggestiven Wirkung dieser Bilder trägt auch der kräftige Farbauftrag in mehreren Schichten bei. Sigrid Schrumpf appliziert die Farbe pur und unvermischt mit dem Spachtel auf der Leinwand. Farbmischungen entstehen, wenn überhaupt, erst durch Schichtungen auf dem Bildträger. Lineare Elemente werden mit Hilfe eines Kamms verstärkt, die Oberfläche mit den Fingerkuppen modelliert.
Dieses Vorgehen macht die Materialität der Farbe spürbar. Ausgesprochen haptische Qualitäten weist die plastisch zu Farbsträngen, Wülsten und Schwüngen geformte Ölfarbe auf einer Serie kleinformatiger Arbeiten auf, die für diese Bild- Präsentation ausgewählt wurden. Sigrid Schrumpf achtet aber stets darauf, die Explosion der Farben und Formen in ein Gleichgewicht der Komposition zu bannen. Im dynamisch bewegten Duktus ihres Farbauftrags zeichnen sich Spuren des Malprozesses ab. Farbstrudel- und Wirbel verweisen auf die körperliche Aktion des künstlerischen Aktes.
Einen vertieften Einblick in die Arbeitsweise von Sigrid Schrumpf erhielten die Besucher/innen durch ihren Vortrag. Darin unterschied die Studentin zwei Phasen ihres Malprozesses. Wichtigstes Ziel der ersten Phase sei es, Inneres zu veräußern, emotionale Zustände und Energien zum Ausdruck zu bringen. Von dieser Intention geleitet, wählt Sigrid Schrumpf zunächst rein intuitiv ihre Farben aus, lässt Farben und Formen im Bild aufeinander reagieren. Diese Phase zeichnet sich durch ein Ausschalten von Kontrolle und Bewertung aus. Mit Ausnahme von Musik werden alle Reize der Außenwelt möglichst ausgeblendet. Die zweite Phase hingegen dient der bewussten und kritischen Bearbeitung der Rohfassung des Bildes. Jetzt geht es darum, die Struktur herauszuarbeiten, Farbkontraste zu verstärken oder abzuschwächen, die Bild- Komposition zu optimieren. Bewegungsrichtungen können verändert und Akzente gesetzt werden.
Obwohl sich Sigrid Schrumpf als abstrakte Malerin versteht, ist für sie die Frage, ob sie figurative Elemente in ihren Bildern zulassen will, noch nicht abschließend geklärt. Im Masterstudium wird sich Sigrid Schrumpf verstärkt mit der Linie und mit den Wechselwirkungen von Linie, freiem Malen und Bewegung beschäftigen.
Die Leiterin der Akademie, Ute Wöllmann, zeigte sich in ihrer Ansprache mit der künstlerischen Entwicklung ihrer Studentin sehr zufrieden. Im Rahmen des Hauptstudiums habe Sigrid Schrumpf einen authentischen Malstil gefunden. Diesen gelte es im Masterstudium weiterzuentwickeln.
Im weiteren Verlaufe des Abends nahmen viele der Anwesenden die Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch mit der Künstlerin wahr. Interessierte Besucher/innen wurden von Sigrid Schrumpf zum Tag des offenen Ateliers eingeladen.
Kerstin Schoer, E- Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.